Der amtierende Bürgermeister einer Kleinstadt ersticht seine beiden Mitbewerber um das Amt auf offener Straße. Beide sterben noch am Tatort. Passanten rufen die Polizei.
Kurz vor deren Eintreffen wirft der Bürgermeister das Messer in die Menge. Ein Passant fängt es auf, damit niemand verletzt wird, und steckt es ein.
Sofort zeigt der Bürgermeister auf ihn: „Da steht der Täter! Das Messer steckt in seiner Tasche. Ich habe alles gesehen. Nehmt ihn fest!“
Die Polizisten folgen der Anweisung ihres Dienstherrn. Seit Jahren stellen ihn die örtlichen Medien als unermüdlichen Kämpfer für Recht und Ordnung dar. Warum sollten sie ausgerechnet ihm misstrauen?
Der Passant wird abgeführt. Er hat die Tatwaffe. Die Frage, wer mit ihr zugestochen hat, stellt niemand.
Noch am selben Abend gibt der Bürgermeister eine Pressekonferenz. Er lobt das schnelle Eingreifen der Polizei. Die Medien loben sein besonnenes Handeln. Aus dem Täter ist der Beschützer der Stadt geworden.
Da seine Mitbewerber nicht mehr antreten können, wird er mit hundert Prozent der Stimmen für weitere fünf Jahre im Amt bestätigt. Die Ortszeitung nennt es ein überwältigendes Zeichen des Vertrauens.
Zur Weihnachtsfeier spendiert er dem Polizeirevier ein Spanferkel und drei Kisten Bier. Der Chefredakteur der Ortszeitung und der Leiter des lokalen Fernsehsenders sind selbstverständlich eingeladen – samt Gattinnen. Man kennt sich. Man schätzt sich. Man stößt auf die gute Zusammenarbeit an.
Die übrigen Passanten haben gesehen, was wirklich geschah. Doch keiner widerspricht öffentlich. Wer möchte schon der Nächste sein, auf den der Bürgermeister zeigt?
So wird aus ihrem Schweigen Zustimmung. Und aus der Darstellung des Bürgermeisters die Wahrheit der Stadt.
Niemand hat in dieser Geschichte eine Mauer gebaut. Und doch steht sie: aus Amtsmacht, Gefälligkeiten und Angst. Jeder, der widersprechen könnte, weiß, was ihm droht.
Keine bösen Rechten. Keine extremen Linken. Nur ein Bürgermeister, der seine Macht behalten will, und Menschen, die ihm dabei helfen.
Die Konkurrenz ist beseitigt. Der Unschuldige sitzt in Haft. Der Schuldige bleibt im Amt.
Hinter dieser Mauer muss er sich weder einem Mitbewerber noch seiner Verantwortung stellen.
Und sollte doch jemand fragen, nennt er die Mauer einfach: Schutz der Demokratie.
Brandmauer – die Parabel als Video
Die Geschichte von Guido Schulz jetzt auch als kleiner Film.

Hinweis: Diese Parabel ist eine fiktive Geschichte. Alle Figuren und Ereignisse sind erfunden. Die Geschichte will Mechanismen sichtbar machen, nicht Wirklichkeit behaupten.
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